Haare, Schuhe und andere Nebensächlichkeiten
geschrieben von Alex am 14. Mai 2007 in Produktionstagebuch
Da ich das letzte Mal über Anschlussfehler gesprochen haben, will ich heute mal zu etwas nahe Liegendem kommen: der Requisite, Ausstattung und der Einrichtung einer Kameraeinstellung im Allgemeinen. Das Thema liegt mir im Moment sowieso nahe, da ich eben wieder zwei Turnschuh-Kataloge von zwei Sponsoren gewälzt habe, um die passenden Schuhe für unsere Darsteller auszusuchen.
Es gibt nämlich einen Punkt, auf den man beim unbedarften Ansehen von Filmen eigentlich nicht selber kommt. Nämlich das alles, aber wirklich alles im Bild genau dort ist, wo der Regisseur es haben will (das gilt natürlich im besonderen Maße für Studioszenen). Eine Lampe hängt nicht zufällig genau an dem Ort an der Decke, ein Schrank ist nicht zufällig aus massiven Eichenholz, der Darsteller trägt nicht zufällig ein rotes Basekap und die tödliche Tablettendose steht nicht zufällig im Vordergrund des Bildes. Selbst Unordnung ist im Film genau geplant.
Da fragt man sich natürlich: Hat ein Regisseur denn Lust und Zeit auf wirklich jedes kleine Detail zu achten? Die Antwort ist so einfach wie logisch: Er hat keine andere Wahl! Denn der Zuständige für diese oder jene Sache wird zwangsläufig zu ihm kommen und fragen, wie er was haben will. Der Zimmermeister wird fragen, wo die Tür in der Kulisse sein soll, die Ausstattung will die gewünschte Farbe der Schuhe der Darstellerin wissen, der Kameramann fragt, was wo im Bild platziert sein soll etc.
Wenn das Geld und die Zeit knapp sind, wird der Regisseur nicht drum rum zu kommen auf solche Fragen mit „Egal!“ zu antworten. Aber bei High Budget Produktionen kann man sich sicher sein, dass alles, was man sieht, genau so sein soll und auch einen tieferen Sinn hat. Schließlich muss der Regisseur, wenn er gefragt wird, ob die Darstellerin nun das rote oder das weiße Kleid anziehen sollen, auch darüber nachdenken, warum er nun diese Wahl trifft. Was sagt die rote Farbe aus? Was würde weiß aussagen?
Kate Winslet hat in „Titanic“ nicht zufällig rote Haare und blasse Haut (Leidenschaft und seelischer Tot in einer Person vereint). Die Wohnung des Stasimitarbeiters in „Das Leben der Anderen“ ist nicht umsonst grau und langweilig (eine Spiegelung seines Lebens). Selbst die Position der Darsteller bei Dialogen ist von entscheidender Bedeutung: Wie weit stehen sie auseinander (emotionale Distanz)? Wer steht näher an der Kamera (ist also auch dem Zuschauer näher)? Steht die Kamera auf Augenhöhe oder darüber oder darunter? Lauter solche Dinge müssen beachtet werden und daher ist es nicht verwunderlich, dass die Vorbereitung für eine einzige Kameraeinstellung manchmal Stunden in Anspruch nehmen kann.


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TiH
schrieb am Montag, 14. Mai 2007, 17:16 Uhr
ohja, da stimm ich dir zu. und gerade weil die ausstattung so wichtig ist, nimmt sie im normalfall so viel zeit in anspruch…
aber nicht nur das budget lässt sich an der ausstatung erkennen.
wenn die ausstattung und requisite etc. nicht stimmt leidet sehr schnell die geschichte darunter und der ganze film verliert schnell an glaubwürdigkeit!
so werden bestimmte orte/städte/länder immer wieder über ein und die selben sehenswürdigkeiten oder typische landstriche identifiziert. sind diese falsch gewählt, so ist die geschichte in dem moment unglaubwürdig. aber auch bestimmte gesellschaftsschichten, personengruppen oder „geschlechtskasten“ identifizieren sich anhand von „statussymbolen“ oder ähnlichen objekten…
das kann und sollte man sich immer leicht zu nutze machen und ganz bewusst auf alltägliche dinge, welche zum jeweiligen charakter passen, achten und diese verwenden.
…naja mit eurem roadtrip werdet ihr da mal wieder nen paar probleme weniger haben, was z.b. die glaubwürdigkeit der lokalitäten angeht.;-)